Prix

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u19 – CREATE YOUR WORLD Young Professionals Goldene Nica 2025

Das Ziegenkäsemachen aus der Sicht der Ziege

Nico Pflügler, Aleksa Jović, Gilbert Gnos Productions

Nichts beginnt. Nichts endet. Alles fault.
Das Ziegenkäsemachen aus der Sicht der Ziege ist kein Film, sondern eine Zumutung, eine letzte Zuckung des Mediums. Eine reglose letzte Ejakulation. Ein leises Stöhnen aus der Kehle eines Wesens, das vergessen hat, warum es je geatmet hat.

Das Ziegenkäsemachen aus der Sicht der Ziege zeigt nicht. Es enthüllt nicht. Es stirbt. Langsam. Unaufhaltsam. Und wir, die Zuschauenden, sind mit ihm eingeschlossen in diesem taumelnden, erstickenden Zyklus aus Melken, Schmieren, Zerstören.
Ein junger Mann – eine Kreatur – lässt es geschehen. Die Hände eines Fremden massieren seine schleimigen Nippel, die seinem haarigen Euter entwachsen. Sein eigener Körper wird zur Masse, zum Brei, zum Ritual. Er verliert jede Kontur, jede Erinnerung daran, je etwas anderes gewesen zu sein, als ein Träger von Funktion. Produktionsmittel. Ware. Futter.
Und während sich die Oberflächen auflösen – Haut, Möbel, Sinne – bleibt einzig das Melken. Der Schleim. Das unangenehme Gefühl, nicht zu wissen.
Der Film entwirft keine Geschichte. Er spinnt keine Metapher. Er beschreibt ein System, das seine eigene Bedeutung verschlungen hat wie eine Schlange ihren eigenen Schwanz – und dann weiterkaut, obwohl längst nichts mehr da ist. Die eigenen Zähne zermalmt und schließlich am Staub erstickt.

Fragen stellen sich nicht mehr. „Was fühlt die Ziege?“ ist keine echte Frage. Es ist ein Echo, das von leeren Wänden zurückhallt. Eine verzweifelte Regung in einem Raum, der nichts mehr antwortet. Denn die Ziege fühlt nichts. Sie konsumiert. Sie wird konsumiert. Sie existiert in einem Zustand reiner Funktionalität, in dem Schmerz, Lust, Scham und Wille zu einem einzigen, endlosen Zustand verdichtet sind: Produktivität.
Das Ziegenkäsemachen aus der Sicht der Ziege ist eine Kadaverstudie des Mediums Film selbst. Eine abstrakte Chronik einer Kunstform, die von ihren eigenen Ritualen erstickt wird. Ersticken nicht mit Gewalt, sondern mit Sorgfalt. Mit Routine. Mit der endlosen Reproduktion toter Formen.
Die Schatten in den Ecken wachsen. Die Luft flimmert vom elektromagnetischen Summen des Gottalgorithmusamalgam, das sich in unserer physischen Welt als INTERNET manifestiert. 
Die Körper winden sich, nicht aus Rebellion, sondern aus Gewohnheit.

Was hier gezeigt wird, ist nicht absurd, weil es sich der Logik widersetzt. Es ist absurd, weil es die Logik zu Ende denkt. Dieser Film legt das letzte Stadium einer Kultur offen, die nicht mehr zwischen Nahrung und Abfall unterscheiden kann, nicht mehr zwischen Lust und Folter, nicht mehr zwischen Kreatur und Gerät. Eine Heuschreckenkultur, die alles konsumiert, bis es nichts mehr gibt. Und dann dieses Nichts konsumiert.

Wir sehen das Euter schwellen. Wir hören das sabbernde, keuchende Mahlen der Systeme. Wir erleben nichts – wir sind etwas, das erlebt wird. Wer – oder was – erlebt uns?
Das Ziegenkäsemachen aus der Sicht der Ziege ist ein Mahnmal aus Brei, aus Schleim, aus algorithmischem Dauerfeuer. Es ist eine Zeremonie für eine Spezies, die längst verschwunden ist, aber deren Reflexe noch zucken.

Wenn Du dich fragst, warum du diesen Text noch immer liest: Du bist Teil davon. Teil des Zyklus. Teil der Erosion.
Was fühlt die Ziege?
Was fühlst du?
Und wann hast du beschlossen, dass das überhaupt noch eine Rolle spielt?



Links: https://Gnoshub.carrd.co (only on Smartphone), https://gilbertgnos.carrd.co

Mentoring: Robert Hinterleitner
Creature Design: Sabine Pflügler

Gilbert Gnos ist eine Gruppenpsychose bestehend aus Nico Pflügler und Aleksa Jović (beide *2006), zwei Künstler aus Linz, die Filme machen wollen, die niemand sehen möchte. Ihre Werke sind oft verstörend und immer absurd: Leberkas-Liebkoser (2024) glänzt in seiner schlechten Qualität und wurde im Rahmen des YAAAS!-Projekt am Crossing Europe Filmfestival Linz gezeigt. Die Geisterjäger (2024) schlug beim Kurzfilmabend in Stadt Haag zum Thema Erinnerungskultur wie ein unpassender Meteor ein und brachte dringend benötigte Auflockerung. 2025 folgte Mein Leberkas – Mein Land, ein Film über Rassismus und Diskriminierung mit einem leberkasigen Twist. Und dann gibt es noch Das Ziegenkäsemachen aus der Sicht der Ziege, ein Werk, das sich jeder Beschreibung entzieht und das am Ars Electronica Festival gezeigt wird. 2024 wurde Gilbert Gnos Productions gegründet und bleibt der ständige Untertitel jedes Werks.

In ihrem Experimentalvideo zeigen Aleksa Jović und Nico Pflügler eine visuelle Dringlichkeit, die besonders zeitgemäß ist. Inhaltlich werden mannigfaltige Themenbereiche angesprochen, die auch bei anderen Einreichungen zu finden waren, nur werden sie hier besonders gekonnt kondensiert: Doomscrolling als Lifestyle und Brainrot als Mindset. Jedoch ohne dieses Aushandlungsfeld jugendlicher Lebensrealität zu sehr zu erklären oder zu didaktisieren. 
Der männliche Körper wird zum Ort der Verhandlung. Irgendwo zwischen geistiger Instabilität und sexueller Phantasie. Die Bodyhorror-Elemente erinnern an David Cronenberg: Eine Penis-Dentata als Incel-Gegenentwurf zur Vagina-Dentata? Ein Euter am Bauch des Protagonisten, der ihm als Lustquelle zu dienen scheint, immer präsent, immer nach außen hin sichtbar. Ein Meta-Kommentar auf Literatur und Film durchzieht die Tonspur: Eine Stimme wirft Zitate in den Raum: z.B. aus William Gibsons Roman Neuromancer oder aus dem Film Forrest Gump. Gerade die Ambivalenz des Videos, das Interpretationsspielraum lässt, und seine anarchische Umsetzung, sind unverzichtbare Zeugnisse unserer (Online-)Kultur. Es ist ein post-postmoderner Film, der das Medium so sehr feiert, zerlegt und neu zusammensetzt, dass man kaum hinterherkommt – und genau das ist der Punkt. Zwischen Slow Cinema und Meme-Ästhetik, zwischen Bodyhorror und Zitatgewitter entsteht ein Werk, das nicht nur zeigt, was erzählt wird, sondern wie erzählt werden kann. Ein Film, der weiß, was TikTok ist – und trotzdem Kino bleibt.